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Warum wird man nach dem Essen müde?

Wer kennt sie nicht, die wohlige Mattigkeit nach einem guten Essen. Diese "Delle" in der Leistungskurve lässt sich physiologisch erklären. Hauptursache ist die während dieser Phase einsetzende starke Durchblutung des Bauchraumes. Das bedeutet weniger Blut und damit weniger Sauerstoff in anderen Körperarealen, auch im Gehirn. Von Bedeutung ist ebenfalls die nach einer Mahlzeit vielfach auftretende "reaktive Unterzuckerung". Vermehrt ausgeschüttetes Insulin treibt dabei den Blutzuckerspiegel besonders weit nach unten. Verstärkt wird die Müdigkeit zusätzlich durch einen erhöhten Serotoninspiegel im Gehirn - ausgelöst durch den Verzehr kohlenhydrat- und fettreicher Speisen.
Zwischen den Mahlzeiten ist der Bauchraum (Abdominalbereich) nur relativ schwach durchblutet. Während dieser Phase wird dort weniger Blut benötigt. Stattdessen findet es sich vermehrt in anderen Bereichen des Organismus: Zur Versorgung mit Sauerstoff, für die Anlieferung von Nährstoffen zu den Körperzellen, zum Entsorgen von Abfallprodukten. Das ändert sich nach dem Verzehr einer Mahlzeit. Sobald die Verdauung der Nahrung und ihr Abbau zu den einzelnen Nährstoffen angelaufen ist, kommt es zu einem starken Einstrom von Blut in den gesamten Abdominalbereich. Es wird aus anderen Geweben und Organen des Körpers abgezogen, um jetzt wichtige Aufgaben zum Beispiel bei der Resorption und beim Abtransport von Nährstoffen zu erfüllen. Dadurch nimmt die Durchblutung in diesen Arealen ab und mit ihr die Menge an verfügbarem Sauerstoff. Der Mensch spürt vor allem den Sauerstoffverlust im Gehirn.

Je nach Zusammensetzung der Kost verstärkt sich nach einer Mahlzeit die Ausschüttung von Insulin. Angeregt wird die Sekretion des Hormons durch die Zufuhr von Kohlenhydraten und bestimmten Aminosäuren, zum Beispiel Arginin und Leucin. Insulin aktiviert den Transport von Glucose durch die Zellmembranen und beschleunigt so deren Aufnahme in das Muskel- und Fettgewebe. Erhöhte Insulinspiegel lassen daher die Konzentration von Glucose im Blut absinken. Nicht bei allen, aber bei vielen Menschen kann die Insulinsekretion nach dem Essen derart stark ansteigen, dass es zu einer so genannten "reaktiven Unterzuckerung" kommt. Für eine gewisse
Zeit sinkt der Blutzuckerspiegel stärker ab und liegt dann in der Nähe physiologischer Grenzbereiche. Diese Verknappung hat vor allem Auswirkungen auf das Gehirn. Während die meisten Gewebe auch Fettsäuren als Energielieferanten verwerten können, ist es allein auf Glucose angewiesen. Wenn der Blutzuckerspiegel eine Weile eher im unteren Bereich liegt, bedeutet das für die Aktivität des Gehirns zwar keine massive Einschränkung aber seine Leistungsfähigkeit sinkt.

Über neurobiologische Effekte der Nahrung ist in jüngster Zeit viel berichtet worden. Eine der Schlüsselsubstanzen unter den Nährstoffen ist dabei die Aminosäure Tryptophan. Aus der Nahrung freigesetzt, gelangt sie mit Hilfe eines speziellen Transportersystems über die Blutbahn in das Gehirn und wird dort enzymatisch zu Serotonin umgebaut. Diese Substanz ist der Botenstoff des so genannten serotonergen Systems, dessen Nervenzellen im Mittelhirn lokalisiert sind. Serotonin steuert die Erregbarkeit nachgeschalteter Nervenzellen und hat damit eine harmonisiernde Wirkung auf das zentrale Nervensystem. Der Verzehr kohlenhydrat- und fettreicher Speisen erhöht die verfügbare Menge an Tryptophan im Gehirn. Dieser Wirkung liegen zwei unterschiedliche Mechanismen zugrunde. Kohlenhydrate stimulieren die Ausschüttung von Insulin. Das Hormon senkt nicht nur den Glucose-, sondern auch den Aminosäurespiegel im Blut. Unter seinem Einfluss wandern all jene Aminosäuren in das Muskelgewebe, die mit Tryptophan um den Transport in das Gehirn konkurrieren. Das führt zu einer erhöhten Synthese von Serotonin. Freie Fettsäuren wiederum machen das Tryptophan besser verfügbar, indem sie es aus seiner Bindung mit Serumalbumin verdrängen. Das erklärt die nach kohlenhydrat- und fettreichen Mahlzeiten auftretenden Veränderungen von Stimmung und Befindlichkeit. Man fühlt sich wohl, ist weniger schmerzempfindlich und ängstlich und gleichzeitig etwas schläfrig. Wegen der oben beschriebenen Wirkungen des Tryptophans setzt man es sogar - allerdings in relativ hohen Dosen von täglich 1.000mg - als Mittel gegen Schlafstörungen ein. (CMA)

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